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Berlinale: Die Weltpolitik in spannenden Thrillern

Kino entlang der Realität: Die deutschen Beiträge «Sturm« und «John Rabe«
 Berlinale: Die Weltpolitik in spannenden Thrillern
John Rabe
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BERLIN - Das Publikum steht Schlange vor den Kinosälen, bleibt trotzdem entspannt und nutzt in kurzen Verschnaufpausen gerne auch das Outdoor-Angebot der Restaurants zwischen Sony-Center und Berlinale-Palast. Die haben geschäftstüchtig Tische und Sofas nach draußen gestellt als wäre es schon Frühling.

Das Festival-Programm hingegen lässt kaum Frühlingsgefühle aufkommen. Berlinale-Chef Dieter Kosslick setzt aufs politische Kino und bringt die deutschen Regisseure groß heraus. Ganz aktuell und hautnah an der politischen Realität ist Hans-Christian Schmids Wettbewerbsbeitrag «Sturm« über das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.

Zynischer Pragmatismus hinter Gerichts-Kulissen

Schmid schildert am Beispiel der mutigen Anklägerin Hannah Maynard (Kerry Fox), wie die Arbeit des Tribunals, das 2010 aufgelöst wird und deshalb unter massivem Zeitdruck steht, zum bürokratischen Akt verkommt. Es geht nicht mehr um Gerechtigkeit, sondern nur noch um schnellen Verfahrensabschluss. Das muss auch Hannah erfahren. Im Prozess gegen einen ehemaligen serbischen General, der in Bosnien ein Vergewaltigungscamp befehligte, macht sie die Kronzeugin Mira (Anamaria Marinca) ausfindig. Doch die Richter lassen deren entscheidende Aussagen gar nicht mehr zu. Ihnen sitzt nicht nur die Zeit im Nacken, sondern auch die EU-Kommission in Brüssel, die an reibungslosen Beitrittsverhandlungen mit den jugoslawischen Nachfolgestaaten interessiert ist.

Es ist das Verdienst dieses Films, dass er über den zynischen Pragmatismus hinter den Gerichts-Kulissen aufklärt. Doch leider zeichnet Schmid eine in ihrem Idealismus geradezu naive Anklägerin. Gänzlich unglaubwürdig gerät die Schilderung von Miras Lebensumständen, die permanent von serbischen Attentätern verfolgt wird, andererseits ein unbeschwertes Leben mit Freund und Kind in Berlin führt. So wird «Sturm« dem wichtigen Thema letztlich nicht gerecht.

Starbesetzte Großproduktion «John Rabe«

Von einem Drama noch viel größeren Ausmaßes erzählt der deutsche Oscar-Preisträger Florian Gallenberger in seiner starbesetzten Großproduktion «John Rabe«, die im Special-Programm läuft. Der Film erinnert an den Helden von Nanking, der als Chef der Siemens-Niederlassung in China 1937 eine Viertelmillion Menschen vor den Gräueltaten der japanischen Armee rettete. Rabe gelang es als Vertreter des mit Japan verbündeten Hitler-Deutschland, den Besatzern eine Sicherheitszone abzutrotzen, in der tausende Chinesen Zuflucht fanden.

Doch Gallenberger stellt die unglaublichen Ereignisse nur nach, inszeniert einen blutigen Actionfilm voll großer Emotionen und bleibt trotz mancher bitter-ironischer Szenen dem Stil eines konventionellen Historiendramas verhaftet. Herausragend ist Ulrich Tukur als John Rabe: Stark, sensibel und energisch gibt er dem todesmutig für seine Schützlinge eintretenden Patriarchen, der zugleich so naiv ist, auf die Hilfe Hitlers zu hoffen, beeindruckendes Profil.

Geister der Toten

Natürlich ist es nach vier Tagen zu früh, um einen Anwärter auf den Goldenen Bären zu benennen. «Der Sturm« zählt für manche dazu. Doch Bertrand Taverniers in den Sümpfen von Louisiana spielender Krimi «In The Electric Mist« würde man der Jury schon auch gerne empfehlen. Mit seiner ersten US-Produktion ist dem französischen Regisseur ein uramerikanischer Film von magischer Poesie gelungen, der tief in die mörderischen Machenschaften der Südstaaten-Mafia vordringt. Vordergründig geht es um einen Serienkiller, der seine Leichen - junge Prostituierte - grausam verstümmelt zurücklässt. Doch die Jagd nach dem Mörder führt Detective Dave Robicheaux (brillant: Tommy Lee Jones) bald zurück in die düstere Geschichte Louisianas und zu seinen eigenen Traumata.

Tavernier setzt James Lee Burkes mysteriösen Krimi kongenial in Bilder um. In diesem Film stimmt einfach alles - die vielschichtige Psychologie der perfekt besetzten Figuren, die beinahe surreale Atmosphäre, das Lokalkolorit eines von Hurrikans verwüsteten nebelhaften Landstrichs, in dem die Geister der Toten aus langer Vorzeit noch immer gegenwärtig sind. Ein Meisterwerk.

Regina Urban
9.2.2009
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