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Aus dem Alltag eines Zugbegleiters

Zwischen Arbeit und Familienleben: «Was Bahn Wochenende nennt, ist keines«
 Aus dem Alltag eines Zugbegleiters
Zubegleiter
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NÜRNBERG - Den 24. Dezember zu Hause zu verbringen, ist für die Mehrzahl der Arbeitnehmer selbstverständlich. Für Bahn-Mitarbeiter wie Markus Gilbert nicht. Seit zehn Jahren ist er bei der DB AG, seit zwei Jahren ist der 27-Jährige als Zugchef von Nürnberg aus im Fernverkehr unterwegs. «Und 2008 war ich zum ersten Mal an Heiligabend zu Hause«, sagt er. Das habe er «diesmal durchgedrückt«, weil er bei seiner Frau und der neugeborenen Tochter sein wollte.

Ohne Betriebsrat wäre aus Familienfest nichts geworden

Ohne ein Machtwort des Betriebsrates, glaubt er, wäre es mit dem ersten gemeinsamen Familienfest wohl nichts geworden. Dass er aber für dieses bisschen Planungssicherheit zu einem solchen Druckmittel greifen musste, ärgert Gilbert. «Ich mache meinen Beruf ja gerne«. Doch die rigiden Dienstpläne seien zunehmend eine Belastung. Wie Zehntausende Kollegen hofft er deshalb darauf, dass sich mit dem nächsten Tarifabschluss zwischen den Bahn-Gewerkschaften Transnet, GDBA und GDL vor allem an den Arbeitsbedingungen etwas ändert und findet den Warnstreik gut, der den Zugverkehr in weiten Teilen Deutschlands lähmt.

Die Spitze der größten Bahn-Gewerkschaft in Deutschland kennt diese Erwartungen und hat entsprechend ihre Ziele formuliert. Während bei früheren Auseinandersetzungen Einkommenserhöhungen im Vordergrund standen, pocht Transnet-Chef Alexander Kirchner diesmal vor allem auf mindestens ein dienstfreies Wochenende im Monat für die Mitarbeiter in und an den Zügen und eine Neuordnung der Schichten.

Computer denken nicht

Für Gilbert ist das dringend nötig. «Jeder weiß zwar, worauf er sich einlässt, wenn er bei der Bahn anfängt«, sagt der 27-Jährige. Doch seine 2160 Euro brutto im Monat plus Zulagen seien angesichts der verschärften Arbeitsbelastung inzwischen sauer verdientes Geld. Schuld daran sind für Gilbert die Computer, die seit gut vier Jahren für «optimierte« Dienstpläne sorgen. «Früher hat ein Disponent die Pläne ausgearbeitet, dann hatte ich ein halbes Jahr Planungssicherheit«. Heute wechselt der Dienstplan hingegen im Acht-Wochen-Rythmus, jeweils eine Woche, teilweise nur wenige Tage vorher, wird er den Zugbegleitern mitgeteilt. Kurzfristige Änderungen seien eher die Regel als die Ausnahme. «Die ganze Familie muss sich ständig nach mir richten«, sagt Gilbert. Und damit leben, ihn oft tagelang nicht zu sehen.

Die maximal zulässige Arbeitszeit pro Schicht von 14 Stunden würde inzwischen «bis auf die Minute ausgereizt«. «Da habe ich dann um drei Uhr in der Nacht Dienstbeginn, sitze irgendwann tagsüber meine zwei Stunden Pause auf irgendeinem Bahnhof ab und übernachte dann schließlich in Köln, um am nächsten Tag wieder quer durch die Prärie zu fahren und mit Pech wieder übernachten zu müssen«. Fünf bis sechs Übernachtungen pro Monat «sind ganz normal«. Erschwerend hinzu kämen regelmäßige Bereitschaften, bei denen der Zugbegleiter zu Beginn nicht weiß, wohin er fährt, ob er abends wieder zu Hause ist, oder nicht.

Pflege von Familie und Freundschaften nicht möglich

Ein geregeltes Familienleben oder gar die Pflege von Freundschaften sei so kaum mehr möglich. Schon gar nicht mit der bisher gängigen Wochenend-Definition des Arbeitgebers. Das beginnt laut Bahn für Gilbert und seine Kollegen am Samstag um 13 Uhr und endet am Montag um Mitternacht. «Wenn ich da gleich eingeteilt bin, muss ich aber am Sonntag vorschlafen. Was die Bahn als freies Wochenende bezeichnet, ist keines«.

Die Folgen sind laut Gewerkschaft nicht zu übersehen: Der Krankenstand der Zugbegleiter liegt weit über dem Durchschnitt. «Im Konzern sind es drei bis vier Prozent, bei den Zugbegleitern zwischen sieben und zwölf Prozent«, sagt Transnet-Sekretär Frank Hauenstein. Der Stress kommt dabei nicht nur durch die gestrafften Dienstpläne zu zustande «Zugbegleiter müssen für alles herhalten, was bei der Bahn schief läuft«, er Hauenstein.

Aggression bis hin zu tätlichen Auseinanderstzungen

Täglich komme es vor allem im Nahverkehr, wo ein Zugbegleiter laut Gewerkschaft zwischen 1400 und 1500 Euro netto verdient, zu Aggressionen bis hin zu tätlichen Auseinandersetzungen. Die Folge ist laut Hauenstein Frust, der oft nur schwer abzufedern sei. «Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt Jahr für Jahr«.

Zusammen mit den schwierigen Arbeitszeiten sei das oft zu viel für die Familien. «Ich kenne kaum einen Zugbegleiter, der noch nicht geschieden ist«, bestätigt Gilbert. Er selber ist wenigstens in dieser Hinsicht zuversichtlich. «Der Vater meiner Frau ist selber Zugbegleiter. Was da mit mir auf sie zukommt, hat sie gewusst«.

Arno Stoffel
30.1.2009
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