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«Radarsoldat» wehrt sich vor Gericht

Richard Grund war zwölf Jahre bei der Bundeswehr und ist heute schwerst behindert
 «Radarsoldat» wehrt sich vor Gericht
Foto: Rödel
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NÜRNBERG - Ein Gelöbnis von Bundeswehr-Rekruten am Cadolzburger Höhbuck im Landkreis Fürth hat Ende Juli auch ein Zaungast verfolgt, der zu den «Radarsoldaten» gehört. Richard Grund (66) hat zwölf Jahre bei der Bundeswehr gedient.

An den Folgen leidet er noch heute - wie 3750 andere Soldaten, die sich im «Bund zur Unterstützung Radargeschädigter» organisiert haben, weil sie während ihres Dienstes Röntgen- und Hochfrequenzstrahlen in unzulässig hoher Dosis abbekamen. Seit 2001, seit es den Verein gibt, engagiert sich Grund in eigener und der Sache seiner Kameraden. Seine Klage liegt beim Sozialgericht Nürnberg.

Herr Grund, Sie haben am Höhbuck Flugblätter verteilt, um Unterstützer für eine Entschädigung der Radarsoldaten zu werben. Wie haben Sie das Gelöbnis erlebt?

Grund:
Ich habe mich außerhalb des für den Festakt abgesperrten Bereichs aufgehalten, die Regeln der Demokratie pflege ich zu wahren. Es ist schon eine sensible Sache, Eltern, die zur Vereidigung ihres Kindes da sind und eine gewisse Euphorie mitbringen, einen Flyer über Spätfolgen einer Verstrahlung in die Hand zu drücken. Da ist man schnell der Querulant. Dabei möchte ich nur, dass ihren Kindern nicht passiert, was mir geschehen ist.

Was ist Ihnen bei der Bundeswehr widerfahren?

Grund:
Ich war von 1964 bis ’76 als Flugzeugmechaniker-Meister beim Bund, sieben Jahre davon als Ausbilder: Ich habe den jungen Leute erklärt, wo sie bei einem Starfighter oder einer Noratlas hinlangen dürfen. Aber eine Radaranlage kann man eben nur erklären, wenn sie eingeschaltet ist. So habe ich mich über Jahre tagein tagaus in Cockpits aufgehalten, in denen auch noch alle Schalter mit radioaktiver Leuchtfarbe markiert waren, damit sie die Piloten im Dunkeln erkennen. Bloß von der Strahlung hat keiner was gespürt, und es vergeht Zeit, bis so eine strahleninduzierte Krankheit ausbricht.

Wie lange hat es gedauert?

Grund:
Ende der 90er Jahre, als sich immer mehr Soldaten mit Karzinomen meldeten, kam man darauf, dass sie alle eines verbindet: Sie hatten zwischen den 60er und 80er Jahren an Radaranlagen der Bundeswehr gearbeitet. Nachrichtenmagazine machten die Problematik publik und der Verein der Radaropfer gründete sich. Dann begann der große Kampf um Versorgungsleistungen. Schließlich rief der Bund die Radarkommission ins Leben. Ihr Bericht lag 2003 vor.

Und was besagte er?

Grund:
Er kam zu dem Schluss, dass Krebskranke entschädigt werden. Etwa 500 Fälle waren damals anhängig. 250 erhielten letztlich eine monatliche Rente von gerade 100 bis 200 Euro, der Rest fiel durchs Raster - wegen Formfehlern, Verjährung oder dergleichen.

Ihr persönlicher Kampf begann 1998, als Sie erkrankten . . .

Grund:
Das war 22 Jahre, nachdem ich aus der Bundeswehr ausgeschieden war. Zwischenzeitlich war ich als Diplomat an der Deutschen Botschaft in Moskau. 1998 war’s dann vorbei mit der Karriere. Ende 1999 wurde mir in einer achteinhalbstündigen Operation ein Gehirntumor, groß wie eine Orange, entfernt.

Wie geht es Ihnen heute?

Grund:
In meinem Behindertenausweis steht ein H für hilflos. Zwölf Folgeerkrankungen habe ich davongetragen, mit deren Details ich die Menschen lieber verschone. Unter anderem ist meine rechte Gesichtshälfte komplett gelähmt. Ich weine sozusagen nur auf einem Auge, das andere kann ich nicht einmal mehr schließen. Jeden Monat brauche ich Medikamente für 400 Euro.

Ihr Antrag auf Versorgungsleistungen wurde 2004 abgelehnt, weshalb?

Grund:
Mit der Begründung, dass ein gutartiger Tumor nicht als Krebserkrankung anerkannt würde, wie die Bundeswehr auf Basis der Radarkommission argumentierte. Mittlerweile habe ich es schriftlich von einem an der Kommission beteiligten Wissenschaftler, dass dieses Gremium nie behauptet habe, dass gutartige Tumore nicht durch Strahlen verursacht werden können. Solche Fälle standen ausgehend von der damaligen Antragslage nur nicht zur Debatte. Doch der Bericht von 2003 ist die Bibel und maßgeblich für die Bescheide. Seitdem laufen die Prozesse. Es ist ein ewiger Kampf um eine Rente. Dabei würde nach dem Soldatenversorgungsgesetz die Wahrscheinlichkeit, dass man im Dienst bestrahlt wurde, genügen.

Ihre Klage liegt seit 2004 unverhandelt beim Sozialgericht Nürnberg.

Grund:
Ich habe das gleiche Problem wie viele Betroffene. Die Gegenseite argumentiert mit Unwahrheiten, die wir mühselig widerlegen müssen. So wird das Verfahren verschleppt, in der Hoffnung, dass sich das Problem von selbst löst. 17 Prozent unserer Antragssteller sind schon verstorben.

Vor der letzten Bundestagswahl machten Sie sich Hoffnungen auf eine unbürokratische Lösung.

Grund:
Damals wurde uns seitens der CSU/CDU der Himmel auf Erden versprochen – derart, dass nicht jeder Einzelne durch die Instanzen klagen muss. Unter anderem war da die Rede von einem Fonds, den der Bund einrichten würde, um Betroffene einmalig zu entschädigen. Nur nach der Wahl hat man uns nicht mehr gekannt. Mit uns macht man es wie mit einem Bündel Reisig. Das bricht man nicht im Ganzen, sondern jeden Zweig für sich. Und letztlich hängt es davon ab, wie geschickt der Einzelne argumentieren kann, ob er seinen Prozess verliert oder gewinnt.

Interview: Sabine Dietz
12.8.2009
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